Bismarcks Fahrrad

Dass Johann Wolfgang von Goethe am 4. September 1784 im Gasthaus ›zum weißen Lamm‹ in Regensburg genächtigt hat, ist bekannt. Aber der Grund? Dass im Haus am Marktplatz 11 in Marktl am Inn niemand Geringerer als Georg Lankensperger geboren wurde, wissen nur wenige; und dass seine große Erfindung, die ›Achsschenkellenkung‹ eigentlich als ›Achsengelenkung‹ firmieren sollte, ist praktisch unbekannt. Was ist der ›Donaumarmor‹, und weshalb findet sich in der Walhalla keine Büste von Hitlers Schäferhund? Woran starb Paul Auhuber? Wurde Johann Jakob Lanz wirklich vom Blitz erschlagen?

Die kuriosen Geschichten in Dieter Lohrs Erzählband Bismarcks Fahrrad drehen sich allesamt um Regensburger Persönlichkeiten, echte, adoptierte, reale und erfundene. Johann Nepomuk Mälzel ist mit von der Partie, der Erfinder des Metronoms, ein gewisser Karl May, dessen Werke erstmals in Regensburg publiziert wurde, ein gewisser Franz Josef Strauß, der in Regensburg verstorben ist, sowie – der Buchtitel lässt darauf schließen – ein gewisser Otto von Bismarck.

Es sind ‘frei erfundene Wahrheiten’, die Dieter Lohr hier mit viel Witz und Sprachwitz präsentiert, vermischt allerdings mit echten. Und gerade wenn man sich am allersichersten im Reich des Fabulierens wähnt, wird offenbar, dass die merkwürdigsten Geschichten nach wie vor das Leben und die Geschichtsschreibung hervorbringen.

Bismarcks Fahrrad
Geschichten aus Regensburg
Spielberg Verlag, 2010
ISBN 978-3-940609-33-5, Preis 9,90 €

Der Fahrradspeichenfabrikkomplex

Am 3. Dezember 1980 erklärte der seinerzeitige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß vor dem Landtag, die bayerische Staatsregierung prüfe, ob es in Bayern einen geeigneten Standort für eine atomare Anlage zur Aufarbeitung abgebrannter Kernbrennstäbe gebe. Bereits kurze Zeit später kamen erste Gerüchte auf, wonach eine solche WAA in der Nähe des Oberpfälzer Ortes Wackersdorf errichtet werden solle.

Diese Anlage sei „nicht gefährlicher als eine Fahrradspeichenfabrik“, meinte Strauß.

In den folgenden acht Jahren fanden in der Oberpfalz die bis dato größten Demonstrationen, die größten Polizeieinsätze und das größte Rockkonzert in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland statt. Anfang 1985 wurde der Bau der WAA in Wackersdorf beschlossen, die ersten Rodungsarbeiten im Taxöldener Forst begannen im Dezember 1985, im Mai 1989 wurden die Bauarbeiten eingestellt.

Ein objektives Gesamtbild der Ereignisse zu zeichnen, ist auch über zwei Jahrzehnte nach dem Aus der WAA Wackersdorf nicht möglich. Niemandem. Daher findet sich im Hörbuch Der Fahrradspeichenfabrikkomplex kein allwissender Erzähler oder Kommentator, der eine vermeintlich unparteiische Wertung abgibt. Das Feature setzt sich ausschließlich aus den Berichten der verschiedensten Zeitzeugen zusammen, die die Ereignisse aus ihren je spezifischen Blickwinkeln betrachten: seinerzeitige WAA-Befürworter als auch Gegner; Politiker jeglicher Couleur von der Regional- bis zur Bundesebene, Demonstranten, Betreiber, Wissenschaftler, Polizisten, Journalisten, Anwohner, Musiker und Schriftsteller.

Der Fahrradspeichenfabrikkomplex
Ein Feature von Angela Kreuz und Dieter Lohr
LOhrBär-Verlag, 2009
2 Audio-CDs, 156 Minuten, ISBN 978-3-939529-08-8, 17,90 €

Die Rebellion im Wasserglas

Regensburg. Ende des 19. Jahrhunderts. Ein Kirchenmusiker bricht mit den vorherrschenden Regeln der Kunst und beschreitet neue Wege: Peter Griesbacher. Er weicht ab vom kirchenmusikalischen A-cappella-Ideal seiner Zeit und schafft große Werke für Orgel und später sogar Orchester – ein Skandal!

Lob und Anerkennung schlagen ihm gleichermaßen entgegen. Für seine künstlerische Freiheit muss er kämpfen. Mit Griesbacher findet die katholische Kirchenmusik den Anschluss an die zeitgenössische Kultur, er wird zu einer kirchenmusikalischen Berühmtheit.

„Die Rebellion im Wasserglas ist eine Geschichte, an der Joseph Roth und Alfred Döblin ihre helle Freude gehabt hätten: Meisterhaft erzählt Dieter Lohr von einem Künstler, der nicht ins System passt…. Ich bin neidisch auf dieses Buch. Ich wünschte, ich hätte es geschrieben.“ (Titus Müller)

Die Rebellion im Wasserglas
Roman
Brendow Verlag, 2007
Gebunden, 272 Seiten, ISBN 978-3-86506-196-6, 16,95 €

Der chinesische Sommer

Ein einfacher junger Mensch besteigt den nächstbesten Zug in Richtung Osten und reist, so weit ihn die Gleise tragen: bis nach Peking. Im Hinterkopf trägt er noch unterschwellig das Klischee kleiner gelber Männchen mit Hasenzähnen und Fistelstimmen. Die Wirklichkeit jedoch sieht anders aus. Alsbald findet er sich in einer Demonstration für Demokratie und Menschenrechte wieder, und schon wenig später in einem Trümmerhaufen aus Glasscherben, Pflastersteinen und zerbrochenen Idealen. Die Welt scheint stehenzubleiben, jedoch nur kurz. Sie dreht sich weiter, schlichtweg, weil sie nicht anders kann, und auch die Reise geht weiter.

Unser Reisender erlebt eine Welt, die von dem Bild, das wir uns gemeinhin von ihr machen, ebenso weit entfernt ist, wie unsere eigene. Was sich in der Zwischenzeit in seiner Heimat abspielt, die einsetzende Auflösung des Ostblocks und etwas später dann der Fall der Berliner Mauer, erfährt er über weitestgehend zensierte Medien, sowie über Erzählungen. Er glaubt es ebensowenig, wie europäische Fernsehzuschauer glauben können, was sich unterdessen in China abspielt…

Der Chinesische Sommer
Eine Reiseerzählung. Mit 15 Zeichnungen von Werner Merk
Der Andere Verlag 1999
Pb., 165 S., 15 Abb., 8 Kunstdrucktafeln, ISBN: 3-934366-01-5, 11,66 €